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Interview mit Andrej Tiwontschik
"Hier
ist der optimale Platz für mich"
Andrej Tiwontschik bald auf
den Spuren von Leszek Klima?
04.09.01
(dg) Die Stabhochsprung-Geschichte in
Deutschland ist eng mit dem Namen Andrej Tiwontschik verbunden. 1993 war er der
Einladung des LAZ Zweibrücken gefolgt und nach Deutschland gewechselt. Nach
seiner Einbürgerung wurde er Mitte der neunziger Jahre unter Wladimir Ryshich
zum besten Stabakrobaten in Deutschland und gewann 1996 in Atlanta die
Bronzemedaille. Knieprobleme zwingen den gebürtigen Russen nun, mit der
Sportart, die ihm immer noch so viel Spaß macht, aufzuhören. Er wird aber
seinem Sport weiter eng verbunden bleiben und vielleicht schon bald dem Leverkusener
Erfolgstrainer Leszek Klima nacheifern.
Steeple:
Herr Tiwontschik, Sie haben für Außenstehende doch ziemlich überraschend
Ihr Karriereende bekannt gegeben. Waren die Knieprobleme nicht mehr in den Griff
zu bekommen?
Andrej Tiwontschik:
Ja, es war eigentlich keine Überraschung. Die Saison 1999 ist für mich
noch recht gut verlaufen. 2000 habe ich dann Schmerzen verspürt, aber ich
wollte weiter hart trainieren, denn das war das Olympiajahr. Im Sommer 2000 habe
ich dann gemerkt, es geht nicht mehr. Auf Anraten meines Arztes habe ich die
Saison abgebrochen und eine längere Pause eingelegt, um meine Gelenke zu
regenerieren. Danach habe ich wieder begonnen, aber man denkt immer, jetzt
kommen die Schmerzen wieder und trainiert nicht mehr ganz so intensiv und ganz
so hart. Im Winter bin ich trotzdem 5,72 Meter gesprungen und ich habe mir
gesagt: okay, im Sommer springe ich normalerweise noch etwas höher, vielleicht
5,80 Meter. Im Frühling habe ich also wieder versucht, intensiver zu
trainieren, trotz der Schmerzen, aber jetzt geht es nicht mehr - meine
Kniegelenke halten die Belastung des Hochleistungssports nicht mehr aus.
Steeple:
Sind die Schmerzen zwischen den Trainingeinheiten nicht schnell genug
abgeklungen, waren die Regenerationsphasen zu kurz?
Andrej Tiwontschik:
Ich konnte gewisse Trainingseinheiten machen, andere wiederum nicht. Die
Regenerationsphasen sind immer länger geworden und schließlich konnte ich
nicht mehr wie vorher zweimal am Tag trainieren. Meine Leistung lag zwischen
5,50 und 5,70 Meter und das reicht mir nicht. Ich habe dann beschlossen,
meine professionelle Sportkarriere zu beenden und werde nur noch zum Spaß
mitspringen.
Steeple:
Was verstehen Sie genau darunter, nur aus Spaß mitzuspringen?
Andrej Tiwontschik:
Ich könnte mir vorstellen, bei Marktplatzspringen mitzumachen und möchte
ganz gerne eine Traininggruppe aufbauen. Da ist es dann immer gut, wenn der
Trainer noch mitspringen kann. Leszek Klima hat im Prinzip genauso angefangen
und ist noch selbst gesprungen.
Steeple:
Wollen Sie die Trainingsgruppe in Mainz aufbauen?
Andrej Tiwontschik:
Ja, nach der Saison möchte ich mit Herrn Bergmann reden und klären, welche
Möglichkeiten in Mainz bestehen. In Zweibrücken, wo ich lebe, gibt es schon
einen angestellten Trainer. Ich habe sehr viel Spaß in dem Sport gehabt und es
ist immer schwer, aufzuhören. Es macht mir heute noch mehr Spaß wie früher,
aber leider geht es nicht mehr. Ich möchte schon gerne beim Stabhochspringen
dabei bleiben, vielleicht habe ich ja als Trainer dazu die Gelegenheit.
Steeple:
Wie sehen Sie rückblickend Ihre Karriere, sind Sie zufrieden mit dem
Erreichten oder wäre bei einigen Wettkämpfen noch mehr drin gewesen, etwa in
Atlanta, wo Sie am Ende die Bronzemedaille gewannen?
Andrej Tiwontschik:
Atlanta ist schon ziemlich optimal verlaufen. Es ist niemand höher
gesprungen als 5,92 Meter und ich habe nur aufgrund von mehr Fehlversuchen eine
bessere Platzierung verpasst. Ärgerlich war es 1999 bei den Deutschen
Meisterschaften. Da bin ich mit 5,80 Metern nur Vierter geworden und durfte
nicht mit zur Weltmeisterschaft, obwohl ich ziemlich fit war - aber die anderen
Jungs waren halt noch besser.
Steeple:
Würden Sie sagen, Sie haben eine Vorreiterrolle für den
Stabhochsprung-Boom in Deutschland gespielt?
Andrej Tiwontschik:
Ja, vielleicht schon, ich war ein neuer Konkurrent in der deutschen
Stabhochsprung-Szene und die Jungs wollten mich schlagen. Das ist dann auch
passiert und der Stabhochsprung hat sich sehr gut entwickelt. Für den fünften
Platz bei den Deutschen Meisterschaften waren 5,80 Meter nötig, das gibt es nirgendwo
auf der Welt. Die vierten Plätze von Michael Stolle bei den Olympischen Spielen
und bei der Weltmeisterschaft waren einfach nur Pech - das ist Sport, er hat
einfach mehr Versuche gebraucht.
Steeple:
Weshalb sind Sie damals nach Deutschland gekommen und dann auch hier
geblieben?
Andrej Tiwontschik:
Ich habe damals eine Einladung vom LAZ Zweibrücken für ein Meeting
bekommen und man hat mich gefragt, ob ich Zeit hätte, für den Verein zu
starten. Ich habe okay gesagt, hier sind optimale Bedingungen, hier kann ich
mich vorbereiten und bin dann im März gekommen, um mich für die Sommersaison
vorzubereiten. Ja, dann hat es mir hier gefallen und ich bin geblieben und
mittlerweile mit einer gebürtigen Zweibrückenerin verheiratet.
Steeple:
Was gefällt Ihnen an Deutschland?
Andrej Tiwontschik:
Ich weiß nicht, es gefällt mir einfach hier. Vielleicht ist das der
optimale Platz mich. Jeder Mensch sucht den optimalen Platz für sich und ich
habe meinen gefunden und bin sehr zufrieden damit.
Steeple:
Welchen Wunsch haben Sie noch zum Abschluss?
Andrej Tiwontschik:
Ich schaue nach vorne zu den Europameisterschaften im nächsten Jahr und wünsche
mir, dass die Jungs da die ersten drei Plätze belegen werden.
Steeple:
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Tiwontschik.
von
Dirk Gantenberg
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