Interview mit Ingo Schultz

Erst Hysterese-Schleifen im Labor,
dann Runden auf der Bahn

Andreas Schmitz sprach für das Leichtathletik-Online-Magazin
mit dem Aufsteiger der Hallensaison

19.05.2000 (as) Der 24-jährige Ingo Schultz war der Shooting-Star der Leichtathletik-Saison 1999. Mit 45,99 Sekunden über vierhundert Meter wurde der Zeitsoldat und zukünftige Elektrotechnik-Ingenieur Vierter der deutschen Meisterschaften – in seiner ersten ernstzunehmenden Leichtathletik-Saison. Im Winter wurde er mit 46,42 Sekunden (persönliche Bestzeit 46,22 Sekunden) erstmals Deutscher Hallenmeister – ein harter Konkurrent für Stefan Holz, den letztjährigen Jahresbesten der Freiluftsaison?

steeple.de:
Du bist in der letzten Saison aus dem Nichts gekommen und in die deutsche 400 Meter-Spitze gelaufen. Warst Du überrascht über Deine Zeit?

Ingo Schultz:
Es war eine gute Verbesserung gegenüber dem Vorjahr. In meiner ersten Saison 1998, die ich wegen einer Operation am Fuß unterbrechen musste, bin ich nach der Pause 49,45 Sekunden gelaufen und damit norddeutscher Vizemeister geworden. Die Vorbereitung auf die 99er Saison lief gut. Doch mit einer Zeit von 45,99 Sekunden habe ich nicht gerechnet.

steeple.de:
Im letzten Jahr durftest Du nicht an internationalen Wettkämpfen teilnehmen, weil Du nicht bis Ende 1998 für den ST (Sonderkader-Trainingskontrolle)-Kader gemeldet warst. Das ist in diesem Jahr hoffentlich anders?

Ingo Schultz:
Im letzten Jahr hatte ich die Quali für die Weltmeisterschaft und die Universiade. Das ist schon bitter, dass ich da nicht teilnehmen konnte. Jetzt bin ich im Bundeskader B, da gibt es die Probleme nicht mehr.

steeple.de:
International weht ein anderer Wind. Dort sind 44er Zeiten an der Tagesordnung. Ging das nicht alles ein bisschen schnell?

Ingo Schultz:
Ich gehe ins Rennen rein und laufe. Dass ich mich damit für große Meisterschaften oder höhere Kader qualifiziere, ist nicht so wichtig. Mir macht das Laufen Spaß, ich mache mir keinen Druck ­ auch nicht wegen Zeiten unter 45.

steeple.de:
Du bist in Hamburg mit 10,90 Sekunden über hundert und 21,33 Sekunden über zweihundert Meter in die Saison gestartet – gewissermaßen zum Einlaufen. Die 400 Meter läufst Du zum ersten Mal Anfang Juni. Was ist dort zu erwarten?

Ingo Schultz:
Da ich in der Halle schon 46,22 Sekunden gelaufen bin und mit meiner Körpergröße von zwei Metern nicht gerade zu den prädestinierten Kurvenläufern gehöre, rechne ich damit, dass ich draußen in etwa eine Sekunde schneller laufen kann. Da muss allerdings alles stimmen – der Wind, das Wetter und meine Verfassung. Zu Saisonbeginn ist eine solche Zeit sicher noch nicht drin.

steeple.de:
Das Laufen ist eigentlich Nebensache. Du hast die Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr eingeschlagen, studierst derzeit noch Elektrotechnik an der Bundeswehruniversität in Hamburg und steckst mitten in der Diplomarbeit. Nimmt Dir das nicht die Kraft oder Konzentration für gute Zeiten?

Ingo Schultz:
Im Gegenteil. Ich brauche etwas als Ausgleich zum Studium und zum Sport – tagsüber mache ich Messungen von Hysterese-Schleifen im Elektronik-Labor, abends drehe ich meine Trainingsrunden auf der Bahn. Hinzu kommt, dass die Trainingsvoraussetzungen ideal sind. Die Tartanbahn ist gerade Mal 400 Meter von meinem Zimmer im Wohnheim entfernt. Dort habe ich auch Jürgen Krempin kennengelernt, meinen jetzigen Trainer von der TSG Bergedorf. Der sagte: Probier's doch mal mit dem langen Sprint. Jürgen leitet seit Jahren die Bundeswehr-AG Leichtathletik und Fitness, an der ich neben meinem Studium teilnahm.

steeple.de:
Also gab es doch eine Neigung zur Leichtathletik?

Ingo Schultz:
Nein. Der einzige ‘Sport’, den ich als Jugendlicher machte, war Schach – neben den paar Pflichtstunden Sport in der Schule. Hier bin ich allerdings einmal hundert Meter gelaufen: 11,5 Sekunden in Turnschuhen. Damit gehörte ich zu den besseren. Besonders trainiert hatte ich den Sprint nicht. Bevor ich in die AG ging, habe ich hauptsächlich Langlauf und Krafttraining gemacht.

steeple.de:
Sind schon Sponsoren auf Dich aufmerksam geworden, die Dich in der Zukunft finanziell unterstützen?

Ingo Schultz:
Bis jetzt habe ich lediglich einen Ausrüstervertrag mit Adidas, aber keine Sponsoren. Darum habe ich mich allerdings bislang auch noch nicht besonders gekümmert. Mein Manager Ulrich Knapp organisiert für mich bislang alles nötige – etwa Wettkämpfe, Trainingslager oder Pressekonferenzen. (Er betreut übrigens auch meine direkten Konkurrenten Stefan Holz und Maik Liebe) Mit der Leichtathletik lässt sich sicher nicht das große Geld machen.

steeple.de:
Vielleicht nach Sydney? Bis zu den Olympischen Spielen musst Du zweimal 45,50 Sekunden über 400 Meter gelaufen sein. Dafür musst Du zweimal in einer langen Saison fit sein. Erst, um die Quali zu laufen, dann, um (eventuell) bei den Olympischen Spielen Ende September gute Zeiten hinzulegen ...

Ingo Schultz:
Wir organisieren unser Training als Doppelperiode. Der erste Leistungshöhepunkt sollte dann im Juli, der zweite ab Mitte September erreicht werden. Dann sollten auch so spät in der Saison noch gute Zeiten herausspringen können.

steeple.de:
Dein Studium ist bald beendet. Danach stehen noch einige Jahre im Staatsdienst an. Lassen sich Sport und Beruf dann noch miteinander verbinden?

Ingo Schultz:
Ich hoffe, dass ich an der Hamburger Bundeswehr-Uni auch promovieren kann und eine Assistentenstelle bekomme – bis jetzt stimmen die Noten. Dann könnte ich noch einige Zeit so weiter trainieren wie bisher. Sechsmal in der Woche so etwa zwei bis zweieinhalb Stunden.


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