Interview mit Nico Motchebon

"Das ist mein wertvollster Titel"

Titelgewinn durch Geschick und trotz gesundheitlicher Probleme

26.02.2001 (fc) Es war ein Rennen mit harten Bandagen, bei dem sich am Ende der Routinier durchsetzte und zu einem für ihn selbst bedeutenden deutschen Meistertitel lief. Nico Motchebon profitierte von dem langsamen Tempo und konnte am Ende mit seiner Erfahrung bei den Deutschen Hallen-Meisterschaften in Dortmund seine Konkurrenten in Schach halten. Während der 800-Meter-Läufer von Quelle Fürth/München nicht nur im Lager seines Vereins für strahlende Gesichter sorgte, wurmte die anderen etwas die Niederlage angesichts der mäßigen Siegerzeit von 1:51,28 Minuten. "Das ist schon ärgerlich", war Nachwuchshoffnung Wolfram Müller über den zweiten Platz zunächst enttäuscht. Auch der Leverkusener Tarik Bourrouag hatte sich Chancen ausgerechnet und schleuderte nach dem Wettkampf erst mal das Trikot in die Ecke. Was der gefeierte Sieger selbst danach zu sagen hatte, fing das Leichtathletik-Online-Magazin für Sie ein.

Wie wichtig war dieser Titel für Sie?

Nico Motchebon:
Ich habe schon eine ziemlich große Sammlung von Medaillen und deutschen Meisterschaftstiteln. Das war aber für mich persönlich der Wertvollste. Jahrelang war es so, dass überhaupt keine Konkurrenz da war und es nur darum ging, wie schön man gewinnt. Diesmal hätte viel passieren können und ich hätte auch ganz leer ausgehen können, weil ich meine gesundheitliche Situation noch überhaupt nicht richtig einschätzen kann. Das erschwert die Sache ganz enorm.

Wie würden Sie das Rennen bei den Deutschen Hallen-Meisterschaften charakterisieren?

Nico Motchebon:
Es war ein Rennen, bei dem es nicht so sehr auf eine schnelle Zeit ankam, sondern auch auf das Geschick. Dabei profitiert man natürlich auch von den Fehlern der anderen. Dafür haben wir mit Nils Schumann in Deutschland ein sehr schönes Beispiel, der bislang bei allen seinen großen Erfolgen von den Fehlern der anderen profitiert hat. Das ist genau der Sport und auch keine Abwertung. Genauso muss es laufen und das ist das, was ich an der 800-Meter-Strecke schätze. Es ist immer eine Chance da, eine Medaille zu machen. Auf den kürzeren Strecken läuft jeder das, was er kann. Bei taktischen Strecken kann hingegen immer viel passieren. Ich bin wirklich sehr glücklich und ich habe gezeigt, dass das Training nicht ganz umsonst war.

Sie hatten die Fehler der anderen angesprochen. Was waren diese konkret?

Nico Motchebon:
Wolfram Müller hatte mit Abstand die schnellste Zeit in diesem Jahr stehen. Er ist ein Langstreckenläufer, dem der kurze Spurt nicht liegt. Wenn er versucht hätte, von vorne und ein schnelles Rennen um 1:47 Minuten zu laufen, wäre es schon für alle im Lauf sehr schwer geworden. Für mich wäre es dann auch im Spurt schwierig gewesen, weil ich vorher nicht so hätte laufen können. Jeder überlegt sich vorher seine Taktik. Ich bin davon ausgegangen, dass es schnell wird. Ich konnte dann das Tempo diktieren und es hätte auch jedem klar sein müssen nach meiner bisherigen Saison, dass ich an der Spitze nichts machen und versuchen werde. Man hat mich gewähren lassen bis zu 600 Metern. Es kam niemand, der so richtig Druck machte. Oliver Daum hatte es mal halbherzig probiert, aber das war auch nicht schnell. Nach einem kurzen Positionswechsel ging es genauso wie am Anfang weiter. Nach 600 Metern war mir klar, dass ich gewinne. Wenn ich im Training in Turnschuhen über 200 Meter Zeiten von 23 Sekunden laufen kann, dann weiß ich, dass ich richtig was drauf habe. Und wenn ich ausgeruht bis zu den letzten 200 laufen kann, wird es sehr schwer für andere. Ich habe noch bis zu den 700 gewartet, um nicht mehr zu tun, als unbedingt nötig. Je länger man warten kann, umso härter wird der Antritt. Ich denke, ich bin noch ein richtiges Stück weg gekommen, in dem Moment, als ich richtig Gas gegeben habe.

Wie beurteilen Sie Ihre Leistungen und Zeiten in der aktuellen Hallensaison?

Nico Motchebon:
Es hat nur mit meinen gesundheitlichen Problemen zu tun und nicht damit, wie viele erzählen, dass ich zu alt wäre. In dem Moment, zu dem ich wieder richtig da bin, wird es auch wieder sehr gut und sehr schnell gehen. Ich hatte im letzten Jahr dieses Pfeiffersche Drüsenfieber. Damit kämpfe ich immer noch. Jetzt kam auch noch eine Infektion dazu. Beides zusammen ist nicht das, was einen schnell laufen lässt. Aber man weiß zumindest, woran es liegt. Beim Meeting hier in Dortmund hatten wir einen Test gemacht, wie gut es wirklich geht. Wenn man dann merkt, dass es bis 600 Meter gut läuft, dann ist daran zu erkennen, dass es eben dieser gesundheitliche Faktor ist, der einen wieder abfallen lässt. Wenn man nichts drauf hat, kann man die ersten 400 Meter nicht in 50,5 Sekunden anlaufen, ohne kämpfen zu müssen. Von daher läuft es bei mir sehr sehr gut und wir müssen sehen, dass wir bis zum Sommer alles in den Griff bekommen. Dann läuft es auch wieder richtig gut.

Wie schwer ist Ihnen der Verzicht auf die Olympischen Spiele im letzten Jahr gefallen?

Nico Motchebon:
Olympische Spiele wirft man nicht einfach so weg. Ich habe schon sehr, sehr viele Ärzte konsultiert - gerade im letzten Jahr. Zu Olympia wäre ich vielleicht sogar in dem Wissen hingefahren, dass ich dort nichts Großes reißen kann. Ich hatte das große Glück, dass ich schon zwei Spiele mitmachen konnte. Das ist ein Erlebnis, das kann einem keiner geben und das kann niemand mit Geld bezahlen. Deshalb war das im letzten Jahr für mich sehr enttäuschend.

Auch im Lager des LAC Quelle Fürth/München freute man sich über ihren Titelgewinn. Welche Bedeutung hat das für Sie im Zusammenhang mit Ihrem Verein?

Nico Motchebon:
Ich gebe immer mein Bestes bei den Deutschen Meisterschaften. Es wird mir jeder glauben, dass ich persönlich am meisten enttäuscht bin, wenn ich das nicht so schaffe. Letzte Woche bei der 3x1000-Meter-Staffel in Neubrandenburg war es für mich noch schlimmer, wenn da noch zwei andere mit drin hängen. So knapp zu verlieren, tut mir auch selbst am meisten weh. Man verliert nie gerne. Es ist wunderbar, wenn man weiß, dass sich andere noch so richtig mit einem mit freuen und denen damit auch noch einen Gefallen tut. Aber in erster Linie läuft letztlich doch jeder für sich.

 

 

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