Interview mit Nouria Merah-Benida

"Religion ist wichtiger als Sport"

Olympiasiegerin wird in der Heimat von ihren Landsleuten verehrt

20.06.01 (up) Der Freiluft-Saisoneinstieg der algerischen Olympiasiegerin verlief nicht ganz so wie geplant: Beim 1.500-Meter-Lauf in Nürnberg wurde Nouria Merah-Benida vom Endspurt der Äthiopierin Abebech Nigussie überrascht und kam auf den letzten Metern nicht mehr an diese heran. Sie belegte in 4:08,49 Minuten Rang zwei, war aber nicht unzufrieden. Da die ruhige, sehr religiöse Algerierin nicht nur Arabisch, sondern auch ausgezeichnet Französisch spricht, konnte steeple-Reporterin Ulrike Philipp mit ihr über Sport, Religion und Algerien plaudern.

Steeple:
Sind Sie mit Ihrem heutigen Lauf zufrieden ?

Nouria Merah-Benida:
Ich bin zufrieden, weil ich noch kein Rennen über 1.500 Meter in dieser Saison gelaufen bin. Also war das heute sehr wichtig für mich. Ich muss aber noch trainieren, um besser zu werden. 

Steeple:
Waren Sie überrascht, als Abebech Nigussie aus Äthiopien mit dem Endspurt loslegte?

Nouria Merah-Benida:
Nein, ich war nicht überrascht, weil ich sie auf anderen Wettkämpfen gesehen hatte. Ich selbst habe meinen Kopf während des Rennens nach unten gebeugt, ich habe sie nicht gesehen, habe auch gar nicht nach ihr geschaut. Als ich dann aufgeblickt habe, war sie schon vor mir. Sie hat einige Momente vor mir angezogen. Daher war sie automatisch schneller als ich. Ich habe dann zwar noch versucht, an sie ranzukommen, aber es hat nicht mehr gereicht. Also, da muss ich im Training noch mal speziell was machen, damit es beim nächsten Mal besser wird.

Steeple:
Während Ihres Laufes hat es geregnet. Stört Sie das sehr?

Nouria Merah-Benida:
Der Regen ist schon ein bisschen unangenehm. Aber eigentlich passt es für mich. Ich trainiere ja auch, egal ob es regnet oder nicht.

Steeple:
Wo werden Sie als nächstes starten?

Nouria Merah-Benida:
In Rom, und vorher noch über 800 Meter in Lausanne, denke ich.

Steeple:
Wo trainieren und leben Sie?

Nouria Merah-Benida:
Die meiste Zeit bin ich in Algerien. Während des Ramadan bin ich auch in Algerien. Während der Wettkampfsaison bin ich in Saint Etienne bei Lyon. Da kriegt man ja auch einigen Regen ab.

"Trainiere nicht in einer Gruppe"

Steeple:
Trainieren Sie alleine oder in einem Verein?

Nouria Merah-Benida:
Mein Mann trainiert mich und zieht bei einigen schwierigen Trainingseinheiten, vor allem bei langen Läufen, die ich nicht alleine machen kann, die Spikes an und läuft mit. Er war früher selber aktiver Leichtathlet. Ich trainiere nicht in einer Gruppe. 

Steeple:
Wie wurden eigentlich entdeckt? Gibt es in Algerien ein Nachwuchsprogramm in den Schulen oder in Vereinen?

Nouria Merah-Benida:
In Algerien gibt es eine spezielle Sportschule, das stimmt. Bei mir war das aber etwas anders. Ich habe früher vor allem Sprint gemacht: 400  Meter, 100 Meter und 200 Meter, war also keine Mittelstrecklerin. Als ich dann meinen Mann kennengelernt habe, hat er mir geraten, auf die 800 Meter zu wechseln, weil ich darin besser sei. Nachdem ich dort sehr gute Resultate erzielt habe, meinte er, dass ich noch besser auf 1.500 Meter sein würde. Und da hat er ja auch recht gehabt. Ohne ihn würde ich wohl immer noch 100 Meter und 400 Meter laufen.


 

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