Interview mit Larissa Kleinmann

"Hindernis nehme ich sehr ernst"

Wechsel zum SCC Berlin nach Rücktritt von Franke geplatzt

07.01.2001 (fc) Seit 1998 studiert Larissa Kleinmann in den USA. Nach einem Jahr in Boston gehört sie dem Team der Razorbacks von der University of Arkansas an. In Deutschland wollte sie nun vom VfL Waiblingen zum SCC Berlin wechseln, was sich nach dem Rücktritt von Stephane Franke als Trainer (wir berichteten) wieder zerschlug. Die 22jährige kritisierte im LA-Forum gerade die mangelnde Unterstützung von Verbandsseite für Franke. Das Leichtathletik-Online-Magazin hat bei der talentierten Läuferin, die vor allem die 3000 Meter Hindernis der Frauen für sich als große Chance sieht, in Fayetteville nachgefragt und sich mit ihr auch über ihr Leben als Sportlerin und Studentin in den USA unterhalten.

steeple.de:
Larissa, wie ist der aktuelle Stand, was Deinen Wechsel zum SCC Berlin betrifft?

Larissa Kleinmann:
Der Wechsel zum SCC Berlin ist nicht zustande gekommen. Ich bin jetzt immer noch beim VfL Waiblingen. Dadurch, dass Stephane Franke seinen Rücktritt als Trainer bekannt gegeben hat, sind wohl in Berlin beim SCC ein paar Sponsoren abgesprungen und dadurch konnten sie mich jetzt nicht mehr übernehmen. Deshalb bin ich jetzt weiter beim VfL Waiblingen.  

steeple.de:
Kam der Rücktritt von Stephane für Dich überraschend?

Larissa Kleinmann:
Stephane hatte mir bereits im September oder Oktober gesagt, dass er sich für den Trainerjob beim OSP Berlin bewirbt und er Gespräche mit dem DLV und dem Berliner Verband geführt hat, bei denen nichts zurückgekommen ist. Deshalb wusste ich vorher schon, dass er, wenn er keine Trainerstelle bekommt, aufhören würde. Ich hatte allerdings die Hoffnung, dass es mit der Trainerposition klappt und sich der DLV ausnahmsweise für Stephane einsetzt, aber da ist bekanntlich nichts passiert. Auf alle Fälle wusste ich schon, dass es nicht so sicher ist, dass er als Trainer von Damian und Jirka weiterarbeiten kann. Ich hoffe, die beiden können auch ohne Stephane an die Leistungen der letzten Zeit anschließen.

steeple.de:
Im LA-Forum hast Du im Zusammenhang mit Stephane Franke auch Kritik an den Verbänden geübt. Welche Erwartungen hast Du als junge Athletin an die Verbände?

Larissa Kleinmann:
Ich hatte ja nun mit dem DLV schon einige Jahre zu tun und in der Zeit gesehen, wie man sich dort verhält. Ich glaube deshalb nicht, dass es noch zu einer Reaktion seitens des Verbandes kommt und man dort nicht weiß, was man an Stephane als Trainer hatte. Ich denke, dass die Trainerkarriere von Stephane damit tatsächlich beendet ist. Ich für meinen Teil nehme auf alle Fälle kein Blatt vor den Mund und es hat mir eben unter den Fingernägeln gebrannt. Das musste mal gesagt werden. Ich stehe zu dem, was ich im Forum geschrieben habe. 

steeple.de:
Welche Auswirkungen hat der Rücktritt von Stephane Franke für Dich persönlich, abgesehen vom geplatzten Wechsel zum SCC Berlin?

Larissa Kleinmann:
Stephane ist natürlich sehr kompetent. Es wäre aber nichts in der Hinsicht geplant gewesen, dass er mein Trainer wird, weil ich in den USA auch einen hervorragenden Coach habe. Ich lebe hier in meiner geordneten Umgebung und bin gut umsorgt. Ich hatte aber natürlich mit Stephane Kontakt per E-Mail und mit ihm öfter telefoniert. Er gab mir immer ein paar Tipps und das war natürlich schon sehr gut. Wenn er als Trainer in Berlin weitergearbeitet hätte, wäre ich sicher auch öfters nach Berlin gekommen, um dort mitzutrainieren und mit ins Trainingslager zu fahren. Nachdem die Möglichkeit jetzt nicht mehr besteht, hat das auch eine negative Auswirkung auf mich..

steeple.de:
Du bist 1998 in die USA gegangen, um dort zu studieren und zu laufen. Was waren Deine Gründe dafür
?

Larissa Kleinmann:
Ich kannte schon andere Läufer aus Deutschland, die in die USA gegangen sind, von denen ich sehr gute Sachen gehört habe. Außerdem bin ich recht weltoffen, ich reise gerne und ich wollte auch Englisch so richtig lernen, es fließend sprechen können und das amerikanische System kennenlernen. Ich halte es für einen guten Übergang vom Jugendalter in Deutschland, weil das Niveau in den Staaten zwischen dem der Jugend und den Erwachsenen liegt und man nicht sofort ins kalte Wasser geworfen wird. Im Gegensatz zu Deutschland, wo man gleich bei den Aktiven mitlaufen muss. Das sehe ich in den USA als Vorteil, weil hier auch sehr gute Konkurrenz besteht und man gefordert wird. Man hat hier immer ein Team um sich, egal ob im Crossbereich oder auf der Bahn. Dadurch hat man Trainingspartner und das ist viel motivierender als in Deutschland, wo ich immer alleine trainieren und zu Wettkämpfen gehen musste. Es fällt einem so viel schwerer, in Deutschland zu trainieren. Die Leute in den USA sind alle sehr nett und es ist natürlich auch aus beruflicher Sicht sehr gut, einmal im Ausland studiert zu haben. 

steeple.de:
Das Jahr 2001 ist gerade angebrochen. Wie sehen Deine Ziele für die nächsten Monate aus?

Larissa Kleinmann:
Ich hoffe, dass der Hindernislauf meine neue Zukunft ist. Das nehme ich sehr ernst und ich werde mich voll darauf konzentrieren. Die Hallensaison fängt bei uns in der nächsten Woche an. Ich werde aber wahrscheinlich den ersten Wettkampf noch nicht bestreiten. In der Halle gibt es noch keine Hindernisse, deshalb werde ich 3000 und 5000 Meter bei den Nationals laufen und auch mit der Mannschaft haben wir gute Chancen, ganz vorne zu sein. Im Freien nehme ich Ende März zum ersten Mal die Hindernisse in Angriff. Darauf bereite ich mich schon eine ganze Weile vor. Hürdentraining mache ich mit unserem Sprintcoach. Dann werde ich versuchen, bei den Meisterschaften die erste NCAA-Meisterin über die 3000 Meter Hindernis der Frauen zu werden. Aber die Konkurrenz ist sehr stark. Es gibt ein paar Läuferinnen, die schon seit Jahren die Hindernisse laufen. Dadurch habe ich einen Nachteil, aber ich habe von früher einen gewissen Background auf den Hürden und bin deshalb schon zuversichtlich. Bei den Deutschen Meisterschaften möchte ich natürlich auch gerne gewinnen. Die 5000 Meter werde ich parallel zu den Hindernissen laufen und dort versuchen, die IAAF-Norm von 15:22 Minuten zu knacken. Dafür brauche ich ein perfektes Rennen und habe die Hoffnung, mich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren, weil ich nicht glaube, dass drei deutsche Läuferinnen die Norm unterbieten.

steeple.de:
Du warst im letzten Jahr für die Cross-WM in Portugal vom DLV nominiert. Ist für Dich eine Teilnahme an der Cross-WM in Dublin im März ein Thema?

Larissa Kleinmann:
Nein. Ich glaube auch nicht, dass mich der DLV dorthin mitnehmen würde. Im letzten Jahr bin ich direkt von den Indoor-Nationals nach Portugal weitergeflogen. Auf dem Weg dorthin habe ich das Flugzeug in Paris verpasst und musste dort übernachten. Ich habe 48 Stunden für den Trip gebraucht, drei Tage kaum geschlafen und war auch noch psychisch fertig von den Nationals. Das war alles zuviel und ich bin danach krank geworden. Deshalb würde ich das nicht noch einmal so machen, selbst, wenn mich der DLV mitnehmen würde. Das ist nichts für die US-Saison. Aber es war trotzdem für mich eine Erfahrung und ich habe es nicht bereut, dass ich da hin gegangen bin.

steeple.de:
In der NCAA bist Du zuletzt ungeschlagen zu den Cross Country Championships gefahren und musstest dort letztlich mit dem 10. Platz Vorlieb nehmen. Wie fällt Dein Fazit dieses Wettkampfs aus?

Larissa Kleinmann:
Das hat mich ziemlich geärgert. Das Jahr zuvor war ich bei den Nationals Dritte und diesmal war ich in viel besserer Form. Ich kam da hin und es waren minus 28 Grad. Als Deutsche, die in Arkansas lebt, bin ich ein bisschen verwöhnt, was das Winterwetter betrifft. Ich war diese Temperaturen nicht gewohnt und habe mich zu sehr davon beeinflussen lassen. Alle vor mir kamen bis auf eine Läuferin aus Minnesota oder New Hampshire, die mit diesen Bedingungen besser umgehen konnten und deshalb bin ich nur Zehnte geworden. Auch wenn das keine Entschuldigung ist, weil jeder bei den selben Bedingungen laufen muss. Ich hätte Zweite oder sogar Erste werden können. Aber vielleicht bin ich bei schlechtem Wetter ein bisschen ein "Schwächling".

steeple.de:
Du bist in den Staaten als sehr ehrgeizige Athletin bekannt. Wie würdest Du Dich denn selbst beschreiben?

Larissa Kleinmann:
Ja, das stimmt schon. Ich nehme das schon sehr ernst, vielleicht manchmal auch zu ernst. Ich bin sehr hart zu mir selber, gerade, wenn es im Training nicht so gut läuft. Ich glaube, es wäre besser, wenn ich lieber ein paar Tage weniger trainieren würde.

steeple.de:
Wie sehen Deine Pläne, was die USA betrifft, mittel- und langfristig aus?

Larissa Kleinmann:
Ich werde noch ein paar Jahre in den USA bleiben. Ich bin im Mai 2002 mit meinem Bachelor's Degree in meinen Bereichen Marketing Management und Spanisch fertig. Danach kann ich noch ein fünftes Jahr hier laufen, weil ich Outdoor ausgelassen habe. Ich werde auch mein Masters Degree, wahrscheinlich in Information Technology Management, anfangen und versuchen, mein Masters zu bekommen. Das wird dann wahrscheinlich zwei weitere Jahre dauern. Im zweiten Jahr habe ich vor, hier als Academic Advisor zu arbeiten, wodurch das Studium weiter bezahlt wird. Somit werde ich auf jeden Fall noch drei bis vier Jahr hier sein.

steeple.de:
Einer Deiner Spitznamen ist "The Hammer". Woher kommt das?

Larissa Kleinmann:
Oder "Lilli-Hammer". Das entstand noch während meiner Zeit in Boston. Einer aus dem Männerteam hat mich so genannt. In Arkansas nennen sie mich auch teilweise "Lilli-Hammer". Ich weiß auch nicht so recht, woher das kommt. Ich habe bei demjenigen, der das erfunden hat, nie nachgefragt. 

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