ISPO-Interview mit Heike Henkel
"Entweder richtig oder gar nicht"
Die frühere Hochsprung-Olympiasiegerin ist mit ihrem Comeback zufrieden
12.08.2000
(fc) Mit dem deutschen Hochsprung der 90er Jahre verbindet man zwangsläufig den
Namen Heike Henkel. 1984 nahm sie das erste Mal an Olympischen Spielen teil,
1992 gewann sie in Barcelona den Titel. In diesem Jahr wollte sie sich noch
einmal qualifizieren, nachdem sie zwischenzeitlich schon einmal die Sprungschuhe
an den Nagel gehängt hatte und bei ihrem Comeback noch zwei nationale
Meistertitel holte. Verletzungsbedingt verlief der Sommer jedoch nicht so, wie
es sich die 36jährige vorgestellt hatte. Trotzdem ist sie zufrieden mit dem
Verlauf der letzten Monate und froh, nicht über eine Härtefallregelung ins
Olympiaaufgebot gerutscht zu sein. Das und noch viel mehr verriet die
Leverkusenerin im ausführlichen Talk mit dem Leichtathletik-Online-Magazin auf
dem ISPO-Stand von at.one.
steeple.de:
Frau
Henkel, Sie hatten die Deutschen Meisterschaften verletzungsbedingt absagen
müssen. Wie geht es Ihnen im Moment gesundheitlich?
Heike Henkel:
Die
Rückenschmerzen sind noch nicht hundertprozentig behoben. Ich wollte nächste
Woche wieder ins Training einsteigen, weil ich vorhatte, noch zwei Wettkämpfe
zu machen. Das werde ich aber letztendlich danach entscheiden, wie das Training
gelaufen ist. Es wäre ganz schön, die Saison so beenden zu können.
steeple.de:
Wenn
Sie Ihr Comeback nun rückblickend betrachten, wie fällt Ihr eigenes Urteil aus?
Heike
Henkel:
Ich denke, ich kann sehr zufrieden sein, weil ich draußen und in der Halle
Deutsche Meisterin geworden bin. Ich bin auch bei der Hallen-EM gewesen, womit
ich eigentlich überhaupt nicht gerechnet hatte, nachdem ich mich im letzten
Winter schon schwer am Fuß verletzt hatte. So gesehen war es doch recht
erfolgreich. Am Anfang bin ich ohne Erwartungen da reingegangen, weil ich auch
gar nicht wusste, was auf mich zukommt. Aber mit zwei deutschen Meistertiteln
kann ich sehr zufrieden sein. International hatte ich mir keine so hohen Ziele
gesetzt. Ich hatte zwar das Gefühl, ich könnte wieder ganz gute Höhen
springen, nur kam es leider anders. Im Grunde hat sich der gesamte Sommer anders
entwickelt, wie ich es eigentlich vorhatte. Es ist oft so, dass man sich andere,
neue Ziele stecken muss. Durch die Verletzung fehlte mir ein gewisses
Trainingspensum. Die Deutschen Meisterschaften sind daran gescheitert, dass ich
wegen der Rückenschmerzen nicht an den Start gehen konnte. Es ist zwar schade,
weil ich mich schon gerne für Sydney qualifiziert hätte und ich sicher war,
dass ich es schaffen kann, wenn alles ein bisschen anders gelaufen wäre. Aber
darauf hat man keinen Einfluss und ich bin trotz allem sehr zufrieden.
steeple.de:
Wenn Sie als frühere Olympiasiegerin nun an die Olympischen Spiele 2000 in
Sydney denken, was geht Ihnen da durch den Kopf?
Heike
Henkel:
Das ganze Flair von Olympischen Spielen hätte ich schon gerne miterlebt. Es
wäre mir vielleicht gar nicht so um den Wettkampf selbst gegangen, weil der
Ehrgeiz von selbst kommt. Ich hätte das Flair, das Drumherum mal ein bisschen
mehr genießen können. Wie damals 1984 in Los Angeles, als ich das erste Mal
bei Olympia dabei war. Da hatte ich mir von Sydney versprochen, dass es ähnlich
wird. Ich glaube schon, dass sie sich dort etwas haben einfallen lassen. Das
hätte mich alles interessiert. Die ganze Begeisterung der Sportler, wenn sie
anreisen, weil es für viele einfach was Neues ist. Australien, ein ganz anderes
Land, über das man viele Dinge und ganz gute Sachen gehört hat. Vielleicht
ergibt sich ja noch eine Möglichkeit, dass ich irgendwie dahin reisen kann.
"Bin froh, dass es bei mir jetzt so gelaufen ist."
steeple.de:
Es gab zuletzt einigen Wirbel um die Olympianormen, die in diesem Jahr
teilweise ziemlich hoch lagen, vor allem für die jungen Athleten. Wie sehen Sie
diese aktuelle Situation aus Ihrer Warte als erfahrene Sportlerin?
Heike
Henkel:
Ich habe das nicht von Disziplin zu Disziplin verfolgt. Was den
Hochsprung angeht, sind sie nicht unbedingt zu hoch. Ich muss 1,94 Meter
springen, um einfach auch in das Finale zu kommen. Ich denke viele fahren mit
diesem Ziel hin. Vielleicht hätte auch 1,92 gereicht, aber das wäre für viele
immer noch zu hoch gewesen. Das liegt aber nicht daran, dass die Norm so hoch
liegt, sondern einfach daran, dass der Standard nicht so gut ist, jetzt speziell
im Hochsprung. Deshalb würde ich es nicht auf die Norm abschieben. Dass es
jetzt Diskussionen gab, ist nichts Neues. Deshalb bin ich eigentlich froh, dass
es bei mir so gelaufen ist. Ich habe immer gesagt, entweder richtig oder gar
nicht. Wenn ich ich in Braunschweig an den Start gegangen wäre und hätte mit
den 1,94 Metern gewonnen, hätte man mich sicherlich mitgenommen. Aber ich weiß
nicht, ob da dann irgendjemand schief gekuckt hätte, weil ich sie eigentlich
noch ein zweites Mal hätte springen müssen. Ich denke, es wäre vertretbar
gewesen, aber für mich selber ist es dann schon ein bisschen unangenehm,
vielleicht doch bevorzugt zu werden, weil ich eine gute Lobby habe oder schon so
lange dabei bin und man mich gut kennt. Wenn ich irgendwo an den Start gehe,
dann will ich es auch richtig machen. Deshalb bin ich ganz froh, dass es jetzt
so abgelaufen ist, dass ich wegen der Verletzung doch nicht an den Start gehen
konnte.
steeple.de:
2002 sind die Europameisterschaften in München. Ist das für eine Heike
Henkel generell noch ein Thema?
Heike
Henkel:
Ich glaube, das ist kein Thema mehr. Das kann ich ziemlich sicher
sagen. Ich versuche, mich eigentlich schon langsam in eine andere Richtung zu
bewegen und umzuorientieren. Wie auch hier auf der ISPO auf dem Stand von at.one.
Ich komme als Designerin ja selbst aus dem Beruf. Mich interessiert einfach
Messe und jetzt speziell auch diese Firma, weil es eine ganz neue
Sportkollektion ist. Einfach mal weg vom Hochleistungssport. Es hat zwar noch
mit Sport zu tun, geht aber mehr in den Fitnessbereich. Deshalb hat mich das
auch interessiert, was sich at.one so vorgestellt hat, wohin die Richtung geht
und es gefällt mir eigentlich ganz gut. Es interessiert mich, weil da eher
meine Altersgruppe angesprochen wird und nicht die ganz jungen Athletinnen oder
Allgemeinsportlerinnen. Das ist ein Bereich, der noch ein wenig vernachlässigt
wird. Ich spürte das, als ich mit dem Sport aufgehört habe. Das Interesse ist
nicht mehr da. Es sind die jungen Sportler, was ich natürlich verstehen kann.
steeple.de:
Es gibt in der jungen Hochsprungszene, im Nachwuchsbereich zum Beispiel eine
Dagmar Kulma, die in diesem Jahr schon 1,85 Meter abgeliefert hat. Wo steht
Ihrer Meinung nach der Nachwuchs? Erkennen Sie schon jemanden, der in Ihre
Fußstapfen treten kann?
Heike
Henkel:
Das sollte man so früh nicht sagen und man auch nicht erwarten. Ich
verspreche mir aber eigentlich schon ein bisschen mehr davon, weil es immer
schon so gewesen ist in der Vergangenheit. Mir ging es auch so damals. Die
Ulrike Nasse-Meyfarth ist abgetreten. Es entstand erst mal ein großes Loch. Die
Jugendlichen, die jetzt nachkommen, haben Zeit, sich aufzubauen. Sie haben keine
große Springerin vor den Augen, die sich zuviel Respekt verschafft. Die kennen
mich zwar gerade noch, sind aber weit genug davon entfernt, so dass sie sich
selbst entwickeln können. Diejenigen, die direkt nach mir kommen, haben ein
bisschen ein Problem mit dem Umstieg vom Amateursportler zum Profisportler. Die
Entwicklung ist sehr schnell gegangen, indem Geld verdient wurde. Ich habe den
Eindruck, dass diese Springerinnen ein bisschen Orientierungsschwierigkeiten
haben. Dass nicht nur der Sport gesehen wird, sondern immer mehr mit dem
Finanziellen geliebäugelt wird. Ich denke, dass die Jugendlichen momentan von
den Erfahrungen, die die Athleten jetzt machen, profitieren. Ich stelle mir das
schon schwierig vor, als junger Athlet. Man ist erfolgreich, man verdient Geld.
Ich hoffe einfach, dass sich aus dem, was wir weitergeben können, ein guter
Nachwuchs entwickelt. Aber ich kann mir doch vorstellen, dass es so
läuft.
"Ich hoffe, dass sich aus
dem, was wir weitergeben
können, ein guter Nachwuchs entwickelt"
steeple.de:
Sie haben gerade die Gelder, die im Sport inzwischen fließen, angesprochen.
Früher sagten Sie mal in einem Fernsehinterview, dass es das Besondere sei, was
honoriert wird mit dem Geld. Ein Maurice Greene bekommt inzwischen 100.000
Dollar für einen Start. Sie konnten die Entwicklung über die Jahre verfolgen.
Wo wird das noch hinführen eines Tages? Ist da ein Ende in Sicht? Ist das vor
allem noch gut für die Leichtathletik?
Heike
Henkel:
Ich glaube, es wird irgendwann wieder eine Umstrukturierung stattfinden. Es
wird von den ganz großen Wettkämpfen wieder weg gehen. Wir haben es dieses
Jahr gemerkt. Es gibt kaum noch kleinere, internationale Wettbewerbe. Es gab in
Disziplinen teilweise Schwierigkeiten, sich zu qualifizieren, weil die
Wettkämpfe nicht angeboten wurden. Bei den Grand-Prix- und
Golden-League-Meetings haben eigentlich nur die eine Chance, die schon an der
Spitze stehen. Für die, die unten stehen, ist es momentan sehr schwierig, nach
oben zu kommen über Leistung, weil einfach zu wenig Wettkämpfe angeboten
werden. Und das wirklich große Geld gibt es natürlich auch nur bei den großen
Meetings. Also irgendwann werden die Athleten ausgehen, denke ich. Diesen
Eindruck habe ich einfach. Es wird sich zwar auf die großen Wettkämpfe
konzentrieren, aber es ist immer noch wichtig, dass auch die kleinen immer noch
unterstützt werden und stattfinden können. Die Sponsoren gehen natürlich nur
zu den Wettkämpfen, die auch im Fernsehen zu sehen sind. Für mich persönlich
ist es aber schöner, an einem reinen Hochsprung-Meeting teilzunehmen, als in
einem großen Stadion, wo doch meistens die Läufe mehr beachtet werden, als die
ganzen anderen Disziplinen. Ich denke, da müssen sich die Veranstalter auch mal
Gedanken machen. Es ist natürlich schwierig, alle unter einen Hut zu bekommen.
Aber sonst wird es ganz schwierig für den Nachwuchs, weil er gar keine Chance
bekommt, sich nach oben zu springen oder zu laufen.
steeple.de:
Die abschließende Frage noch einmal mit Blickrichtung Sydney. Was denken
Sie, wie hoch muss man springen, um nach den Medaillen greifen zu können?
Welche Chancen hat Amewu Mensah?
Heike Henkel:
Ich denke, es wird sich um die zwei Meter bewegen, wenn es um die
Goldmedaille geht. Was die Erste letztendlich springt, ist uninteressant.
Vielleicht geht es auch höher. Es ist jetzt seit 1984 so gewesen, dass es sich
bei den zwei Metern entschieden hat. Mit 1,96 könnte man vielleicht schon eine
Chance haben, Bronze zu gewinnen. Manchmal ist das Niveau natürlich höher,
aber momentan zeichnet sich das nicht so ab für mich. Man könnte also mit 1,96
Metern, was nicht so die Welt ist, was auch meine Vergangenheit angeht, schon
mitmischen. Auch eine Amewu Mensah hat die Chance, diese Höhe zu springen. Aber
letztlich ist es doch etwas anderes, bei so einem Wettkampf die Leistung zu
bringen, die man schon gesprungen ist. Für sie ist es erst mal wichtig, in das
Finale zu kommen und dann damit nicht zufrieden zu sein und als Hauptziel das
Finale zu sehen. Es war bei mir 1984 so, dass ich froh war, im Finale zu sein,
und dann kam nichts mehr. Sie ist eine junge Athletin, die noch viele Spiele vor
sich hat.
steeple.de:
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Henkel, und alles Gute weiterhin.
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