Interview mit Lars Figura

"In Wolfsburg hat alles gepasst"

Lars Figura möchte sich wieder auf das Laufen konzentrieren

21.01.02 (dg) Am vergangenen Wochenende bestritt der 400-Meter-Läufer Lars Figura bei den Niedersächsischen Hallen-Meisterschaften seinen ersten Wettkampf des EM-Jahres. Im Trikot des VfL Wolfsburg. Ein vorläufiger Beschluss des Vorsitzenden des DLV-Rechtsauschusses, Robert Ingenbleek, ermöglicht ihm dieses Startrecht (wir berichteten), weil die Vertragsstreitigkeiten mit der LG Olympia Dortmund, die auf die Einhaltung des im Herbst 2000 unterzeichneten Vertrages pocht und zunächst über den DLV-Bundesausschuss Wettkampforganisation auch einen Teilerfolg verbuchte, noch nicht endgültig geklärt sind. Bis Mitte Februar wird nun mit einer Entscheidung im "Wechselfall Figura" gerechnet. Dirk Gantenberg fragte bei dem Viertelmeiler nach. Lars Figura schilderte in dem Interview seine persönliche Meinung zur aktuellen Situation und zu den letzten Wochen.

Sind Sie zufrieden mit Ihrer ersten 400-Meter-Zeit des Jahres von 48,08 Sekunden, Herr Figura?

Lars Figura:
Das war mein erster Lauf, dafür war es ganz okay. Meine Bestzeit in dieser Halle liegt bei 47,99 Sekunden, deshalb war das für die Halle eigentlich eine ziemlich gute Zeit.

Haben Sie die Querelen der letzten Wochen beeinträchtigt?

Lars Figura:
Doch schon. Man will das natürlich nicht wahr haben, aber es geht nicht ganz spurlos an einem vorbei. Bis Anfang Januar hat mich das eigentlich relativ kalt gelassen. Ich habe gedacht, das klärt sich auch. Dann änderte sich die Sachlage und ich habe am 2. und 3. Januar eine Klärung gesucht, beim DLV mehrere Telefonate geführt. Es kam die Startberechtigung vom Niedersächsischen Landesverband und damit war es für mich erledigt, dann fällt das so ein bisschen ab. Wenn es aber dann wieder kommt, wird die Sache ärgerlich, denn jetzt fällt das Gerangel in die unmittelbare Wettkampfvorbereitung und da stört es dann.

Ist Ihr Vertrag mit der LG Olympia Dortmund jetzt offiziell gekündigt worden?

Lars Figura:
Die LGO hat uns am 24. September geschrieben, dass sie kein Geld mehr hat und vor diesem Hintergrund, der nicht mehr vorhandenen Liquidität, steht es uns frei, einen neuen Verein zu suchen. Diese Sachlage ist aus meiner Sicht juristisch ganz eindeutig zu bewerten. Das ist ein Angebot zur Vertragsaufhebung und das ist unwiderruflich.

Spielte es denn eine Rolle, dass Sie sehr schnell reagiert haben und dem Verein den Rücken gekehrt haben?

Lars Figura:
Ich wäre ja blöd und blauäugig, wenn ich da warte. Wenn ich nicht sofort reagiere, dann sagen die nachher: wir haben kein Geld mehr - du bist selber schuld. Tatsache war, die hatten kein Geld mehr zu dem Zeitpunkt. Das nehme ich der LGO auch nicht übel. Ich habe mich nur dementsprechend verhalten, wie sie es uns nahegelegt haben und wie es jeder verständige Athlet hätte tun sollen. Eine andere Möglichkeit wäre es gewesen, neu zu verhandeln, wie es Ingo Schultz getan hat. Er ist jetzt noch in Dortmund und ist bei der Wahl seines Trikotsponsors freigestellt worden. Ich habe mich gar nicht darum bemüht, denn bei mir kam die Alternative mit dem VfL Wolfsburg zustande. Dortmund wollte den Vertrag aufheben und dazu müssen Sie jetzt stehen. Von einigen Verantwortlichen bin ich persönlich sehr enttäuscht, von vielen anderen im Verein habe ich aber nach wie vor eine ganz hohe Meinung, so von dem Präsidenten Herrn Scheer und Thomas Kremer. In der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung ist die mentale Seite, die Ruhe und Ausgeglichenheit, genauso viel wert, wie das was du dann tatsächlich auf der Bahn leistest. Jetzt musst du den Kopf frei haben. Man muss mal auf Verbandsebene hinterfragen, wie es möglich ist, dass bei einer Wechselfrist vom 30. Oktober bis 30. November erst im Januar über den Fall entschieden wird. Das kann man keinem Athleten zumuten.

Lässt sich diese Sache nicht schneller auf unbürokratischem Weg, so zum Beispiel durch ein persönliches Gespräch aus der Welt schaffen?

Lars Figura:
Mittlerweile ist das durch den Beschluss von Herrn Wollschläger, der mich verpflichtet, wieder für Dortmund zu starten, auch eine DLV-Angelegenheit. Damit gibt es eine dritte Partei. Dieser Beschluss muss erst mal endgültig aus der Welt geschafft werden. Materiell-rechtlich und formell konnte meiner Meinung nach Dortmund nicht mehr gegen mein Startrecht vorgehen. Sie haben die Einspruchsfristen verstreichen lassen und auch ohne Aufhebungsvertrag war klar, dass sie den Vertrag mit mir nicht mehr wollten. Trotzdem hat Herrn Wollschläger in ihrem Sinne entschieden.

In den Medien war zu lesen, dass es einen Einspruch gegen Ihre Freigabe gegeben hat, diese aber vom westfälischen Verband nicht weitergeleitet wurde.

Lars Figura:
Das kann ich nicht überprüfen. Tatsache ist, dass das in der Sphäre des westfälischen Verbandes liegt und der westfälische Verband muss es dem niedersächsischen erklären. Wenn die das nicht machen, ist es vollkommen egal, ob Dortmund das abgeschickt hat oder nicht. Wenn das hier nicht bekannt wird, haben die das Recht, einen Startpass zu erteilen.

Was waren für Sie die ausschlaggebenden Gründe, nach Wolfsburg zu wechseln?

Lars Figura:
Da gibt es ja zum einen diese Olympiageschichte, bei der sich Hamburg, also der Norden, für die Spiele bewerben will. Das ist für mich ein Punkt, zwar nicht der wichtigste, aber wenn für Deutschland entschieden wird, dann unterstütze ich den Norden und nicht das Ruhrgebiet, das dann mit Dortmund eine ganz schlagkräftige Truppe hat. Ich bin bekennendes Nordlicht, Hansestädter durch und durch. In Wolfburg verstehe ich mich mit dem Herrn Morawietz sehr gut und hatte vorher schon ganz gute Kontakte mit John Johnson, außerdem gab es sehr positive Gespräche. Sie haben sich sehr viel um mich gekümmert, dagegen kam aus Dortmund nur das Schreiben und dann lange Zeit nichts mehr - da fühlt man sich durchaus ein bisschen zurückgesetzt, insbesondere wenn sie sagen, wir wollen die Damen behalten, aber den Herren-Langsprint stoßen wir ab. In solchen Sachen reagiere ich sehr sensibel, das Umfeld muss schon stimmen. Bis dahin hatte ich mich allerdings in Dortmund sehr wohl gefühlt, ich war zufrieden da und es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich denke, mit den gewonnenen deutschen Meistertiteln auf der Traditionsstrecke 400 Meter habe ich mich vorbildlich als Dortmunder Athlet verhalten. Aber die menschliche Seite muss stimmen. Jens Dautzenberg, ein guter Freund von mir, dem in Dortmund gekündigt wurde, bot man durch Wolfsburg eine Alternative. Das sind zusammen genommen Argumente, die mich nach Wolfsburg gezogen haben.

Ist es besser, wenn zwei Spitzenläufer, wie Sie und Ingo Schultz in unterschiedlichen Vereinen trainieren. Wollten Sie getrennte Wege gehen?

Lars Figura:
Also, ich verstehe mich mit Ingo sehr gut und wir trainieren ohnehin überwiegend getrennt. Jeder geht so seinen Weg und wir finden uns dann bei Trainingslagern wieder zusammen - so zum Beispiel Ostern, da treffen wir uns wieder. Wie ich schon mal gesagt habe, es ist gut, wenn wir beide unseren Weg gehen und beide letztlich zum selben Ziel kommen. Im letzten Jahr haben wir beide eine super Entwicklung genommen, obwohl wir im gleichen Verein waren. Ingo war von den Zeiten und Erfolgen noch ein bisschen besser gekürt, das möchte ich gar nicht bestreiten, aber auch ich bin überaus zufrieden. Ich konnte alle vier 400-Meter-Titel gewinnen, sowohl im Einzel wie in der Staffel. Ich weiß nicht, wann das zum letzten Mal jemand geschafft hat.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Dirk Gantenberg

 

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