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Hallen-EM in Wien

"Die Bahn gehört mir"

Stephanie Graf und der Genuss der letzten zehn Meter

27.02.02 (pm) Stephanie Graf strotzt vor Selbstvertrauen. "Ich bin in einer Verfassung, in der ich den 800-Meter-Weltrekord drauf habe. Wenn es heuer nicht mehr hinhaut, dann im nächsten Jahr", sagt sie. Die Worte in der Champions Bar des Hotels Marriott, wo die Kärntnerin den Reigen der Pressekonferenzen vor den Hallen-Europameisterschaften eröffnete, klingen wie eine Warnung an ihre Gegnerinnen. 

Vor allem an Jolanda Ceplak. Die Slowenin, mit 25 drei Jahre jünger als sie, hat Graf zuletzt in Gent herausgefordert und in diesem Winter mit einer Steigerung ihrer Freiluft-Bestzeit um 1,53 Sekunden alle verblüfft - auch "Steffi" Graf. "Das zeigt, dass sie optimal betreut wird", bemerkt sie nur dazu. Ceplak hat das Management gewechselt und ist wie Graf jetzt bei Robert Wagner. Eine sonderbare Situation. "Es wird auf einen Zweikampf zwischen mir und Ceplak hinauslaufen", glaubt Graf. "Sie wird bei der Hallen-EM genau so stark sein wie in den Rennen zuvor - wenn nicht noch stärker. Sie kann jede Taktik annehmen. Es liegt an ihr etwas zu unternehmen. Ich bin auf alles vorbereitet." 

Dass eine andere Läuferin am Sonntag, um 15.25 Uhr im ausverkauften Ferry Dusika Hallenstadion in den Kampf um Gold über 800 Meter eingreifen kann, glaubt sie nicht. Zwischen Graf (1:56,85), Ceplak (1:57,18) und dem Rest der Europäerinnen klafft in diesem Winter eine große Lücke: Keine andere ist bisher unter zwei Minuten geblieben, nicht einmal die Russin Svetlana Cherkasova, die sich, wie einige andere auch, international rar gemacht hat.

Für sie wird es schwierig werden, die drei Runden (Vorläufe am Freitag, Halbfinale am Samstag, Finale am Sonntag) durchzustehen. Graf freut sich auf die Rennen und fühlt sich durch die Favoritenrolle, die ihr zufällt, weniger belastet als vor der Hallen-EM 2000 in Gent. "Damals flog ich zum ersten Mal als ungeschlagene Jahresweltbeste zur EM und war eine klarere Favoritin als diesmal. Der Druck dort war größer, die letzten 24 Stunden vor dem Finale sehr schwierig." Vor allem für ihre Mutter Rita, die sie stets an die Rennen begleitet. "Ich quäle sie dann von morgens bis abends, bin unausstehlich."

Vor ihrer vierten Hallen-EM ist alles anders. Schon, dass sie ein paar Tage vor einem wichtigen Rennen zu einer Pressekonferenz erscheint, ist ungewöhnlich. Für zwei Tage flog Graf nach Völkermarkt zurück, am Donnerstag kommt sie wieder nach Wien, wo sie im Rathauskeller als Europas Leichtathletin des Jahres geehrt wird. "Das wird mir noch mehr Selbstvertrauen geben", lächelt die Olympia- und WM-Zweite.

Ein paar Mal ist Steffi Graf in den letzten Wochen mit dem Flugzeug aus Klagenfurt nach Wien gekommen, um im Hallenstadion zu trainieren, das dumpfe Geräusch, das beim Laufen auf der 200-Meter-Bahn durch den Holzunterbau entsteht, in sich aufzunehmen. "Manchmal habe ich schon das Gefühl, die Bahn gehört mir. Das ist ein Vorteil. Genauso wie die Zuschauer und deren Anfeuerungsgeschrei", ist sie überzeugt. Und sie träumt von den letzten zehn Metern des Rennens, wenn sie an der Spitze liegt. "Es ist immer ein wunderbarer Genuss, wenn ich weiß, dass ich einem großen Sieg entgegenlaufe, mit einer guten Zeit. Dann sage ich mir: Die ganze Qual im Training hat sich gelohnt."  

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